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PREDIGT

zur Eröffnug der Festwoche

“ 800 Jahre HOHENLEIPISCH “

An dieser Stelle sei dem Propst Siegfried T. Kasparick, Regionalbischof der evangelischen Kirche Mitteldeutschlands von Wittenberg, großer Dank für die Bereitschaft gezollt, seine Predigt zur Veröffentlichung im Internet zu genehmigen und somit interessierten Bürgern nacherleben zu lassen.

800 Jahre Hohenleipisch

Predigt zum Festgottesdienst

über Bibeltexte des Gottesdienstes

(Psalm 147 / Mk 4, 30 – 32)

 

Liebe Festgemeinde in Hohenleipisch,

liebe Schwestern und Brüder

Sie feiern 800 Jahre Hohenleipisch. Die Kirche und das Dorf sind geschmückt.

Die Festwoche vorbereitet.

Wenn man so ein Jubiläum begeht, wie sie in diesem Jahr hier in  ihrem Ort,

dann gibt es immer mehrere Möglichkeiten:

Entweder man sagt: „Das ist mir egal. Was gehen mich die 800 Jahre vorher an.

Das Leben heute ist wichtig, nichts sonst – und es ist schwierig genug – das Leben.

Also bleibt mir fern mit euren Feiern.“

So haben Sie sich offensichtlich nicht entschieden –

sonst wären Sie nicht hier:

Oder man sagt: „Ganz egal, was der Anlass ist, Hauptsache es gibt einen Grund zu feiern.

Hauptsache, es gibt gut zu essen und zu trinken und im Dorf ist endlich mal wieder was los.“ Und man ist fröhlich dabei. Man freut sich, die anderen aus dem Dorf zu sehen und die Gäste und genießt die Zeit – ob nun Jubiläum ist oder nicht.

 

Oder aber man schaut bewusst auf die lange Zeit, in der die Menschen in diesem Dorf gelebt haben. Man versucht sich die lange, lange Geschichte dieses Dorfes vorzustellen.

Allein die Kirche erzählt viel von der langen Geschichte.

Der Taufstein, die Apsis erzählen von den Anfängen in romanischer Zeit.

Oder man schaut in alte Texte, schaut in die Landesgeschichte, erinnert sich aber auch an jüngste Geschichte, an das, was man selbst erlebt hat oder was die Eltern und Großeltern erzählt haben aus dem Dorf.  Dorfgeschichte und Dorfgeschichten aus Hohenleipisch.

 

800 Jahre – das ist ein Grund sich zu freuen und ein Grund, genau hinzusehen.

Denn auch bei diesem Rückblick gibt es verschiedene Blickwinkel:

Unsere Texte dieses Sonntags legen uns diese verschiedenen Blickwinkel nahe.

Der eine Blickwinkel heißt: Dankbarkeit.

Lobet den Herrn, haben wir im Psalm gelesen, denn unsern Herrn loben ist ein köstlich Ding.

Singt dem HERRN ein Danklied und lobt unsern Gott mit Harfen,

der den Himmel mit Wolken bedeckt und Regen gibt auf Erden;

der Gras auf den Bergen wachsen lässt.

Rückblick auf die lange Geschichte dieses Dorfes bedeutet immer dankbarer Rückblick:

Danke, dass es diesen Ort gibt. Danke, dass er in guten und in schlimmen Zeiten bewahrt geblieben ist. Danke für die Zeiten, in denen Menschen hier gearbeitet haben und gefeiert,

in denen sie jung waren und alt geworden sind,

Danke für Zeiten,  in denen die Menschen in der Dorfgemeinschaft aufgehoben waren.

Und danke, dass wir in diesem Jahr miteinander feiern können.

Aber auch danke für alle Bewahrung in der Not.

Im Psalm hören wir weiter:

Gott bringt zusammen die Verstreuten Israels. Er heilt, die zerbrochenen Herzens sind,

und verbindet ihre Wunden. Der HERR richtet die Elenden auf.  

 

Viele Ereignisse aus der Geschichte von Hohenleipisch ließen sich bei diesen Psalmversen erinnern: Wenn die Zerstreuten aus den Kriegen heimgekehrt waren. Wenn Menschen nach Zeiten der Bedrückung neue Freiheit erlebten, wenn sie nach persönlichem Unglück, nach der Erfahrung von Krankheit und Tod neu anfangen konnten und die Seelen wieder heil wurden.

Geschichte eines Dorfes ist ja immer große Geschichte, verwoben in Landesgeschichte und Weltgeschichte. Sie ist aber immer auch und vor allem Geschichte von einzelnen Menschen, von Familien, Kindern und Alten, Geschichte von Geburten und von Hochzeiten und von Beerdigungen, Geschichte von glücklichen und verzweifelten Menschen. 

Es ist die Geschichte von Menschen, die sich für diesen Ort eingesetzt haben,

damit es hier schön und lebenswert ist.

Danke, dass dieses Dorf und seine Menschen immer wieder bewahrt worden sind.

In dem Lied, das wir am Anfang gesungen haben, heißt es:

In  wie viel Not hat nicht der gnädige Gott über dir Flügel gebreitet.

Das ist die eine Sicht auf die Geschichte von Hohenleipisch.

 

Wenn wir auf die lange Geschichte so eines Ortes blicken,

dann kommt aber noch eine andere Frage zum Vorschein:

Dann fragen wir uns: Was hat die Menschen eigentlich bewegt?

Worauf haben sie sich verlassen? Was hat getragen in ihrem Leben – so richtig getragen?

Es gab Zeiten, da haben sie unter den Kriegen gelitten:

Unter dem dreißigjährigen Krieg, als die Wrangelschen Truppen durch Hohenleipisch gezogen sind, oder unter den beiden Weltkriegen. In vielen Kirchen erinnern Tafeln daran.

Vergessen wir aber nicht. Im Psalm wie in der biblischen Tradition heißt es:

Der Herr hat keine Freude an der Stärke des Rosses.

Er schafft in deinen Grenzen Frieden.

Wie oft ist das vergessen worden. Wie oft haben Menschen auf den Krieg gesetzt und auf den Sieg als höchstes Gut. Und sie haben die Größe des eigenen Volkes gegen andere Völker ausgespielt. Und dann haben sie ihre gefallenen Söhne beweint und ihre zerstörten Städte und Dörfer und haben geschworen: Nie wieder – und dann sind sie wieder in den Krieg gezogen.

Und wieder kamen die Särge zurück mit den Fahnen darauf. Und dann hieß es wieder – erinnern sie sich noch: „dass nie eine Mutter mehr ihren Sohn beweint.“ Und dann wieder die Toten und das Lied: „Ich hatt einen Kameraden“.  Wir erleben es gerade wieder einmal.

Was trägt eigentlich im Leben?  Haben wir etwas gelernt aus den letzten 800 Jahren?

Der Herr hat Gefallen an denen, die auf seine Güte hoffen.

So weiter unser Psalm und in einem anderen Psalm heißt es:

Es ist gut auf den Herrn zu vertrauen

und sich nicht auf Menschen zu verlassen. (118,8)

 Es gab Zeiten, da hatten die Menschen kaum eine Wahl und kaum Freiheiten,

sich zu entscheiden.   Aber es gab auch immer Zeiten, es gab immer Gelegenheiten im Leben, da konnten sie entscheiden,  wie weit sie sich lieber auf die Mächtigen verlassen

und auf die Einflussreichen.

Wie weit sie einfach nur die Achseln zucken und an sich selber denken.

Die Kanzlerin liebt das Wort alternativlos.

 

Liebe Schwestern und Brüder es gibt meisten eine Alternative

und in den Zeiten, an die wir uns erinnern - in der Zeit des Nationalsozialismus und des

DDR – Sozialismus, da gab es immer Möglichkeiten, sich anders zu verhalten und eben nicht auf die Herrschenden zu setzen mit seinem ganzen Leben.

 

800 Jahre Hohenleipisch legen die Frage nahe:

Worauf haben sich die Menschen verlassen. Und: Was trägt eigentlich in unserem Leben?

Worauf kann ich mich wirklich verlassen im Leben und im Sterben?

Und was bringen wir unseren Kindern bei?

 

 

Hauptsache gesund und stark und schön und immer gut drauf? 

Hauptsache, viel Geld haben, so wie es heute uns eingeredet wird?

Und was trägt, wenn die Gesundheit brüchig wird und die Kräfte nachlassen und wenn man nicht gut drauf ist, weil keine Arbeit in Sicht ist oder weil das Geld vorn und hinten nicht reicht?   Was trägt im Leben?

Wie beantworte ich diese Frage heute?

Wie entscheiden wir uns heute nach 800 Jahren Erfahrungen in diesem Dorf?

Was gibt Sicherheit? Worauf verlassen wir uns?

 

Wir feiern 800 Jahre Hohenleipisch hier in dieser Kirche.

Diese Kirche erzählt von einer besonderen Antwort auf diese Fragen.

Es hat immer Menschen in diesem Ort gegeben hat und es gibt sie noch heute, die sagen:

Wir verlassen uns auf Gott.

Wir brauchen den Glauben, sonst werden wir abhängig von anderen Menschen,

sonst werden wir unfrei.

Wir brauchen das Vertrauen zu Gott, damit die Seele ein zu Hause findet,

Wir brauchen Gott, weil wir Orientierung im Leben brauchen.

Wir brauchen den Glauben, um realistisch zu bleiben,

um uns nicht zu überschätzen, indem wir denken, ohne uns geht nichts,

alles, was es in diesem Dorf und in der Natur ringsherum gibt, sei unser Verdienst.

Wir brauchen aber auch das Vertrauen in Gott, um nicht zu verzweifeln, damit die Krankheit und die Enttäuschung und der Tod in unserem Lebe nicht das letzte Wort behalten.

Aus diesem Vertrauen heraus haben Menschen diese Kirche gebaut.

Aus diesem Vertrauen heraus haben sie sich für die Kirche eingesetzt.

Nicht damit es der Kirche gut geht, sondern damit es den Menschen gut geht.

 

Eins darf dabei aber nicht vergessen werden, liebe Gemeinde.

Jesus erzählt in dem Evangelium von einem winzigen übersehbaren Samenkorn.

Es ist leicht übersehbar wie der Glaube in der Geschichte des Dorfes, aber auch in der Geschichte der Kirche. Die Geschichte der Kirche ist keine Erfolgsgeschichte.

Die Geschichte des Glaubens, die Geschichte des Reiches Gottes ist keine Geschichte,

die man herzeigen kann und sagen; Seht her ihr Leute, das ist der Beweis für die Kraft des Glaubens.  

Nein,  die Geschichte der Kirche, auch der Kirche in Hohenleipisch ist immer auch dunkle Geschichte, verflochten in die Machtspiele aller Zeiten, verflochten in Schuld und Gewalt und Tod.        Und dennoch erzählt sie auch immer von der Geschichte des Glaubens.

Doch der Glaube lebt nach anderen Gesichtspunkten. Da heißt es nicht:

Hauptsache groß und stark, Hauptsache, mächtig, Hauptsache, einflussreich.

Da heißt es nicht, Hauptsache, ich komme um die Schwierigkeiten des Lebens herum.

Sondern die Geschichte des Glaubens ist immer die Geschichte vom Überleben mitten in den Schwierigkeiten.

In unserem Evangelium erzählt Jesus von dem Senfkorn als Beispiel für das Reich Gottes,

als Beispiel für die Welt des Glaubens. Es ist ein kleines, unscheinbares Korn,

manchmal übersehen und manchmal belächelt. So wie die Christen zu allen Zeiten belächelt wurden. Auch in Zeiten, in denen alle zur Kirche gehörten und die Kirchen voll waren.

Wer den Glauben wirklich ernst genommen hat, war in der Minderheit – immer und wurde belächelt -  immer.

„Man muss doch machen, was alle machen. Man muss doch oben sein.

Man muss doch Einfluss haben, man muss sich doch absichern.“

So die Gegenargumente gegen den Glauben.

Und es gibt auch heute wieder Stimmen, die sagen, die Kirche muss erst wieder stark werden, sie muss doch an Einfluss gewinnen. „Wenn alle wieder zur Kirche gehen, dann gehe ich auch. Auf Gott zu vertrauen ist doch zu wenig. Kirche, so wie sie ist – was bringt mir das?“

 

Liebe Schwestern und Brüder

Die Kirche ist so stark, wie Menschen sich für den Glauben und für Gottvertrauen stark machen und deshalb nicht nur an sich denken,

sondern an die Menschen neben ihnen und  an ihre Kinder

Und die deshalb eben nicht alles mitmachen, was gerade in ist. Die deshalb Verantwortung übernehmen für sich und für andere.

Und dasselbe gilt für das Dorf: Ein Dorf ist so stark, wie Menschen da sind, die nicht nur ihr Schäfchen ins Trockene bringen wollen, sondern die aufeinander achten und füreinander einstehen.

Und: Wir müssen die Kirche nicht erhalten, sie ist nicht von uns abhängig, sondern Gott erhält sie. Und er bietet  uns in ihr Raum, damit wir ein zu Hause finden, das uns Geborgenheit, Schutz und Orientierung bietet, was auch geschieht.

 

Die Frage ist, ob wir das wollen. Unsere Bibeltexte werben dafür:

Wenn das Senfkorn des Glaubens gesät ist, so geht es auf und wird größer als alle Kräuter und treibt große Zweige, sodass die Vögel unter dem Himmel unter seinem Schatten wohnen können. Das ist die Zusage. 

800 Jahre eines Ortes fragen danach: Was trägt eigentlich im Leben. Diese Kirche erzählt davon: Was uns wirklich trägt im Leben und eben auch im Sterben ist das Vertrauen in Gott.

Es ist oft klein und unscheinbar, dieses Vertrauen, aber es kann so stark werden, dass man darin eine Heimat hat und einen Unterschlupf und genug Kraft für alle Herausforderungen des Lebens.

 

Liebe Gemeinde hier in Hohenleipisch, nach 800 Jahren dieses Ortes gilt es zu danken.

Nach 800 Jahren gilt es aber auch zu fragen: Was hat getragen in all dieser Zeit und besonders: Was ziehen wir daraus für Schlüsse: Was trägt uns heute?

Worauf verlassen wir uns heute.     Unser Psalm wirbt um unsere Herzen:

Der Herrn macht fest die Riegel deiner Tore, bei ihm bist du geborgen

und er segnet deine Kinder – bei ihm hast du Zukunft.

 

Die Geschichte dieses Dorfes ist auch die Geschichte des Gottvertrauens in diesem Dorf.

Was wir daraus machen, liegt bei uns.  Amen.

 

 

 

Propst Siegfried T. Kasparick, Lutherstadt Wittenberg

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